Zur violetten Quantenpipette
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Auf zur Uni!

"Irgendwann wird uns klar,

warum wir uns diese Frage stellten.

Irgendwann scheint die nahe Zeit ferner,

als die Erinnerungen an die Vergangenheit.

Irgendwann, dann ist es soweit;

werden wir den wahren Antlitz sehen, der uns Erhellten."


Morgens. Scheißegal eigentlich, doch die Uni ruft - Nein, sie schreit. Der Verstand schaltete erst nach dem fünften Sekundenschlaf ein und kommandierte ihn aus dem Bett. Saukalt das Zimmer, aber soll ja gesund sein, bei offenem Fenster zu schlafen - egal zu welcher Jahreszeit.

Allmählich stellten sich seine schlaftrüben Augen auf die, durch die Jalousie durchgestoßenen Lichtfetzen ein und begannen sich damit abzufinden, dass der Wecker quäkend die davonrinnende Zeit verkündete. Na, mit Waschen war wohl nix mehr! Erstmal - zehn Minuten waren es ja noch - ein Glas Wasser, was gar nicht so leicht ist, wenn man sich nicht gerne mit der Boxershorts bekleidet von den Mitbewohnerinnen auf dem Flur "Guten Morgen" wünschen lässt.


Die Tür fiel ins Schloss. Er zögerte. Schon merkwürdig, dass es ihn hier hinauszog, aber eines hatte dieser Ort: Im Treppenhaus fühlte er sich nicht heimisch! Also, ab durch die Zwischenhölle und raus in die Freiheit. Jedoch wurde im verhallenden Türschnappen nicht ganz klar, was da nun gerade ausgeschlossen wurde. Fuck - wäre er doch im Bett geblieben! Seine Hand schnellte aus der Anoraktasche, erreichte die linke - Fuck - die rechte Jeanstasche, die Arschtaschen. Der Schlüssel war in der anderen Hose. Und die oben.

Scheiß drauf, dachte er bei sich und hatte im vollen Lauf genüge damit zu tun, sein Kleingeld beisammen zu halten. Seine Mitbewohner würden ihm schon aufmachen, hoffentlich war später wer da. Der Bus bog grade um die Ecke. Seine Lungen stellten sich schon auf einen Quer-durch-die-Stadt-Sprint ein, um die nächste Bushalte anzusteuern, doch der Busfahrer hatte heute seinen Sozialen. Nach einem echt arschigem Anfahrfake und der darauf folgenden Bremseinlage, öffnete sich die Tür.


Dem Busfahrer zeigte er den zerflederten Studentenausweis, der damit echte Probleme hatte. Seine zusammengekniffenen Augen taten nichts Besseres daran: Der Ausweis sah halt so aus.

Um dem Busmenschen bei der Bewältigung seines Arbeitstages etwas beizustehen, hielt er sein Semesterticket so, dass es sein Passfoto nicht mehr überlappte und ging den Gang entlang. An den musternden Gesichtern vorbei, wusste aber wohin er wollte und peilte somit die letzte Rückbank an. Eine Schweißperle löste sich und tropfte zu Boden. Erstmal verschnaufen. Der Studentenausweis wanderte zurück in seine Jeanstasche. Den könnte er mal reparieren, wie so viel. Seine Hose hätte es auch mal dringlich nötig. Im Winter mit frei aufgerissenem Arsch seine neusten Boxershorts vorzuführen, ist ja irgendwie punkig, hauptsächlich aber kalt. Außerdem wollen dann auch nicht immer die Mädchen aus seiner Clique "mal fühlen".


Busfahren ist krass. Erst einmal muss man sich einen Platz suchen, was gar nicht mal so einfach ist, da man einerseits auf Ältere - ohh, wie vorbildlich - , auf für Ältere reservierte Plätze, die mit dem Behindertenschild ausgezeichnet wurden - Apropos Behindertenschild: Ist es nicht geradezu denunzierend sich als alter Mann auf einen Behindertenplatz zu setzen, auch wenn kein anderer mehr frei ist? Unserereiner setzt sich aus purer Anarchie dorthin, wird aber wieder - jaja, die gut Erziehung - aufstehen, um dem Bedürftigen Platz zu machen - und auf potentielle Gewalttäter Rücksicht nehmen muss.

Nun, das mit den Gewalttätern ist einfach zu umgehen. Man stelle seinen Körper für die nächsten zehn Minuten auf die Rolle des überaus coolen, selbstbewussten und, wenn´s denn sein muss: schlagkräftigen Typen ein, und das Problem mit den aufmuckenden Hirnis ist meist hinweggeblasen. Doch die älteren Mitbürger machen es einem oftmals schwer.

Würde man beim Halten des Busses an der Haltestelle alle Greise und Bedürftigen vor einem in den Bus lassen, hätte das die folgenden Konsequenzen: Man käme nur schwer an ihnen vorbei oder erst gar nicht in den Bus hinein. Die Vorgelassen bleiben nämlich allzu gern vorn. Nein, weitergehen ist ja zu gefährlich! Und deswegen ist der vorderste Raum in der Nähe des Busmenschen auch der Beliebteste. Den Stress und sich dann erst einmal - mit Rücksicht auf Verluste - vorbeiquetschen zu müssen, kann man sich ersparen, indem man als einer unter den Ersten den Bus betritt.


So auch heute.

Ohne diese Clevernis (als erster eingestiegen zu sein), hätte er nicht schon die Übernächste rausgekonnt, um umzusteigen.

Sofortig wurde der nächste Bus gestürmt und die Rückbank in Beschlag genommen. Er war der Schnellste. Die Sonne, die in seinen Nacken schien, ließ ihn schaudern. Sein Verstand blendete die murmelnde Kulisse vor ihm aus und konzentrierte vollends sich auf das, was draußen vor sich ging.


Von der Sonne sichtlich begeistert, ließen die Menschen alle Hüllen fallen. Pfeifend, schimpfend, triumphierend und lächelnd zogen sie an den Busglasscheiben vorbei. Ein Glück, dass der Bus schwer daran zu schaffen hatte, sich, inmitten der Innenstadt, eine Gasse durch die Menschentrauben zu bahnen. Er hatte alles im Blick.

Ein Platz auf der Rückbank war einfach das Beste, zumal er einerseits den Überblick, naja - die absolute Kontrolle - über die übrigen Mitreisenden hatte und sich zudem mehr und mehr mit diesem gigantischen Beinfreiraum anfreundete. Die Arme auf den übrigen Rückenlehnen der Sitzreihe ausgestreckt, versuchte er, die ihn umringenden Mädels, mit Hilfe einer Skala von eins bis zehn, zu beurteilen. Er kam sich vor, wie ein schuppiger, mariner Aquariumbewohner, der sein Schwimmgefäß in einem gut besuchten Popartmuseum wieder fand.


Wieder einmal bestätigte sich seine früher getätigte Feststellung, dass diese Stadt mit langhaarigen, blonden Mädchen geradezu überfüllt war. Es war, als wenn man in China wäre und alle gleich aussehen. Gleich und geil. Na, jedenfalls die Girls vor seinem Busfenster, manche trugen sogar Minirock - im Winter! Andere solch ein tiefes Dekolleté, das die Sonne noch mehr hätte durch die Hinterscheibe knallen müssen, um gegen den warmen Schauer anzukommen, der diese ausladenden Einblicke hervorbrachte.

Eine war besser als die andere. Wenige `Mittelmäßige´ waren an diesem Tag im Stadtzentrum. Entweder waren sie hui oder richtig hässlich.

Achten waren zu Hauf vertreten. Auch Siebenen und hier und da mal ne Neun. Seine Zehn, so dachte er sich, die ihn hoffentlich bald erlösen würde, wird jeden umhauen. Blöderweise muss sich eine Zehn zu einem großen Anteil durch den Charakter definieren - sonst wäre es nur eine Neun. Das hieß: Er musste mit ihr sprechen! Und genau das war das Problem.

Er konnte sich einfach nicht vorstellen, wie er dabei vorgehen sollte. Wie sollte es ihm gelingen eine Neun, eine Göttin einer Frau, ein Wesen so zärtlichen Anblicks, dass im Spiegelbild ihrer Wollust, der Begierde, in seinen Gedanken, einem feuchten Traum gleich kam - wie sollte es ihm nur gelingen.

JETZT, bitte, komm' durch die Tür und setz dich neben ihn.


Die meisten Neunen waren sowieso eingebildet und blieben Neunen, schob sich diese eine flüchtige Ausrede in seinen Kopf, die ihm die schwindend geringe Chance, unter Neunen eine Zehn zu finden, einredete. Hochnäsig eingebildet und dann noch selbstbewusst. Er hatte nichts gegen Frauen, die bewusst ihrem Selbst nicht scheuen oder gar fürchten. Nein, starke Frauen, die nicht denken was sie sagen würden, sondern direkt ihren Gefühlen freien Lauf lassen und auch mal eine dicke Lippe riskieren, sind sexy. Und unberechenbar. Da ist nichts mit >Hmm, will den mal nicht verärgern und ihm sagen, wie scheiße der aussieht und dass er bei mir eh keine Schnitte hat< , sondern würde man bei dieser Art von Frauen in solch eine prekäre Situation kommen, sollte man immer eine Portion Selbstironie, Ohrstöpsel und Missmut zum Frust bereithalten. Es wäre dann ratsam, sich nicht alles zu Herzen zu nehmen. Obwohl es ja die ehrliche, Gerade-Heraus-Gesagt-Meinung, einer zu schätzenden Persönlichkeit war. Misserfolge müssen halt eingesteckt werden.
28.8.07 12:45
 



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